Brücken, Stromleitungen, Glasfasernetze: Warum Pensionskassen auf Infrastruktur setzen

Brücken, Stromleitungen, Glasfasernetze: Warum Pensionskassen auf Infrastruktur setzen – und wo die Rechnung nicht aufgeht

Wer langfristig Kapital veranlagen muss und dabei Schwankungen scheut, landet früher oder später bei Infrastruktur. Straßen, Stromleitungen, Windparks, Wasserwerke oder Glasfasernetze: Diese Anlagen versorgen Gesellschaften über Jahrzehnte mit Grundleistungen – und genau das macht sie aus Sicht institutioneller Investoren interessant. Für österreichische Pensionskassen, die Geld für über eine Million Begünstigte verwalten, stellt sich die Frage nach Infrastruktur als Portfoliobaustein deshalb mit wachsender Dringlichkeit.

Doch die Anlageklasse ist komplexer, als es der erste Blick vermuten lässt. Zwischen dem Versprechen stabiler Renditen und der Realität illiquider, teurer Strukturen liegt eine Lücke, die sorgfältig analysiert werden muss.

Pensionskassen unter Druck: Das Grundproblem

Österreichs acht Pensionskassen verwalteten per Mitte 2025 ein Vermögen von insgesamt 28,6 Milliarden Euro – ein Anstieg von 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Mehr als 95 Prozent dieses Vermögens werden über Fonds veranlagt. Der Anteil alternativer Investmentfonds liegt mit 26 Prozent bereits über dem europäischen Durchschnitt von 21 Prozent.

Das Jahr 2024 verlief erfreulich: Die Performance betrug laut FMA-Daten 7,8 Prozent – nach einem schmerzhaften Einbruch von knapp minus zehn Prozent im Jahr 2022. Über zehn Jahre hinweg liegt die durchschnittliche Performance bei 3,45 Prozent pro Jahr. Das klingt solide, ist angesichts der langfristigen Verpflichtungen gegenüber den Versicherten aber kein üppiger Puffer.

Das Dilemma ist strukturell: Pensionskassen müssen auf der einen Seite ausreichend Rendite erzielen, um künftige Pensionsleistungen zu finanzieren, und auf der anderen Seite Wertschwankungen begrenzen, die den Deckungsgrad gefährden könnten. Wer sich mit der Funktionsweise betrieblicher Altersvorsorge beschäftigt, erkennt schnell: Dieses Spannungsfeld zwischen Renditeanspruch und Sicherheitsbedürfnis ist kein österreichisches Spezifikum, sondern ein europäisches Grundproblem.

Infrastruktur als Lösungsansatz: Was spricht dafür?

Die Grundidee hinter Infrastrukturinvestitionen ist einleuchtend. Wie auf Wikipedia beschrieben, umfasst Infrastruktur alle Anlagen und Systeme, die der Daseinsvorsorge und der Wirtschaftsstruktur dienen – von Verkehrsnetzen über Energieversorgung bis zu digitaler Kommunikation. Was solche Anlagen für Investoren besonders macht: Sie sind oft monopolähnlich aufgestellt, weil niemand parallel zur bestehenden Autobahn eine zweite baut, und ihre Einnahmen basieren in der Regel auf regulierten Tarifen, behördlichen Konzessionen oder langfristigen Verträgen.

Das erzeugt planbare Cashflows. Ein Windpark, der seinen erzeugten Strom zu einem staatlich festgelegten Einspeisetarif verkauft, liefert jahrelang kalkulierbare Einnahmen – unabhängig davon, ob die Börse gerade floriert oder kollabiert. Ähnliches gilt für Mautstraßen, Wasserversorgungsnetze oder Breitbandleitungen.

Hinzu kommt ein wesentlicher Aspekt: Viele Infrastrukturverträge enthalten Inflationsklauseln, die Einnahmen an die Preisentwicklung koppeln. In einer Phase, in der die Inflationsrate europaweit über Jahre über dem Zielwert lag, ist das kein triviales Merkmal.

Aus Portfoliosicht schlägt zudem das Diversifikationsargument an. Institutionelle Anleger wie Pensionskassen halten typischerweise hohe Anteile an Aktien und Anleihen, die beide auf ähnliche makroökonomische Schocks reagieren. Infrastruktur verhält sich oft anders – sie gilt als sogenannte Real Asset-Klasse mit geringer Korrelation zu den Kapitalmärkten. Das bedeutet in der Praxis: Wenn Aktienmärkte unter Druck geraten, bleiben Infrastrukturwerte stabiler, weil ihre Bewertung nicht auf täglichen Börsenpreisen, sondern auf Cashflow-Modellen basiert.

Die Kehrseite: Was in den Prospekten gern kleiner geschrieben wird

So überzeugend die Argumente klingen, so wichtig ist die nüchterne Auseinandersetzung mit den strukturellen Schwächen dieser Anlageklasse.

Illiquidität als Strukturmerkmal: Infrastrukturinvestitionen binden Kapital für sehr lange Zeiträume. Bei geschlossenen Fonds – der typischen Vehikelform – ist ein Ausstieg vor Ende der Laufzeit entweder gar nicht möglich oder nur mit erheblichen Abschlägen. Für Pensionskassen, die laufend Pensionen auszahlen und ihr Portfolio an veränderte Verbindlichkeiten anpassen müssen, schränkt das die Handlungsfähigkeit erheblich ein. Ein verantwortungsvolles Asset-Liability-Management – also die Abstimmung von Anlagehorizont und Auszahlungsverpflichtungen – muss diesen Faktor einpreisen.

Kosten als stiller Renditefresser: Infrastrukturfonds gelten als relativ teure Anlageklasse. Verwaltungsgebühren von zwei bis vier Prozent jährlich sind in der Branche keine Ausnahme – und das auf einer Ebene, die oft noch durch einen Dachfonds ergänzt wird, der seinerseits Kosten aufschlägt. Nach Gebühren kann das scheinbar attraktive Renditeprofil deutlich abmagern. Wer sich für sinnvolle Geldanlage mit Kostenbewusstsein interessiert, weiß: Der Unterschied zwischen 0,2 und 2 Prozent jährlichen Kosten ist über 20 Jahre dramatisch.

Bewertung als optischer Trick: Nicht-börsennotierte Infrastrukturanlagen werden nicht täglich bewertet, sondern auf Basis von Cashflow-Modellen. Das glättet die ausgewiesene Volatilität – macht aber tatsächliche Verluste nicht verschwinden. Sie werden sichtbar, wenn Positionen verkauft werden. Dieses Phänomen der „scheinbaren Stabilität” ist ein bekanntes Problem bei allen illiquiden Anlageklassen: Die niedrige gemessene Schwankung ist teilweise ein Bewertungsartefakt, kein Ausweis echter Risikofreiheit.

Politische und regulatorische Unsicherheit: Infrastruktur operiert in einem staatlich regulierten Umfeld. Tarifsenkungen, geänderte Konzessionsbedingungen oder neue Umweltauflagen können Rentabilität gefährden. Das gilt besonders für Energieinfrastruktur in einem Europa, das ambitionierte Klimaziele mit regulatorischen Eingriffen kombiniert.

Der europäische Kontext: Billionenbedarf trifft private Investoren

Die Debatte über Infrastrukturfinanzierung ist nicht nur eine Frage der Portfoliooptimierung. Laut dem Investitionsbericht der Europäischen Investitionsbank sanken die privaten Investitionen in der EU im Jahr 2024 um 2,5 Prozent, während staatliche Investitionen anstiegen. Der Bedarf an privaten Mitteln für Infrastruktur – von der Energiewende über digitale Netze bis zu sozialer Infrastruktur wie Pflegeheimen und Bildungseinrichtungen – übersteigt bei weitem, was die öffentliche Hand bereitstellen kann.

Europäische Infrastrukturfonds haben zuletzt wieder stark zugelegt. Im letzten Quartal 2024 sammelten sie so viel Kapital ein wie seit dem Rekordjahr 2021 nicht mehr. Pensionskassen und Versicherungen spielen dabei eine zentrale Rolle. In Deutschland wurde die regulatorische Infrastrukturquote in der Anlageverordnung angehoben; andere Länder diskutieren ähnliche Reformen.

Für österreichische Pensionskassen gelten gemäß Pensionskassengesetz strenge Anlagevorschriften, die Sicherheit, Qualität, Liquidität und Rentabilität als gleichrangige Ziele festschreiben. Infrastruktur kann diesen Anforderungen entsprechen – muss es aber nicht automatisch.

Was eine fundierte Entscheidung braucht

Infrastruktur ist keine homogene Anlageklasse. Zwischen einem regulierten Wasserversorgungsunternehmen in Niederösterreich und einem Satellitennetz-Fonds liegen Welten – in Risikostruktur, Laufzeit, Liquidität und Kostenbelastung.

Wer Infrastruktur ernsthaft als Portfoliobaustein in Betracht zieht, braucht zunächst Klarheit über die eigenen Verbindlichkeiten: Welche Auszahlungsverpflichtungen bestehen in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren? Wie viel Kapital kann dauerhaft gebunden werden, ohne die laufende Liquidität zu gefährden? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich beurteilen, welcher Anteil im Portfolio sinnvoll wäre.

Danach folgt die Produktebene: Direktinvestitionen, offene Infrastrukturfonds, geschlossene Fonds oder Dachfonds haben unterschiedliche Risiko- und Kostenprofile. Nicht selten zahlen Pensionskassen für aufwendige Vehikelstrukturen mehr, als die Strategie nach Kosten tatsächlich wert ist.

Das Fazit ist nicht, dass Infrastruktur ungeeignet wäre. Die langfristige Stabilität, der Inflationsschutz und die Diversifikationseigenschaften sind echte Vorzüge – unter der Bedingung, dass Laufzeit, Kosten und Liquiditätsbedarf sorgfältig abgewogen werden. Wer das nicht tut, kauft sich Ruhe auf dem Papier, aber Probleme in der Praxis.

Über den Autor: Bernhard Führer

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