Das unterschätzte Risiko: Wenn das Geld im Alter nicht reicht

Das unterschätzte Risiko: Wenn das Geld im Alter nicht reicht

Erschienen im Standard im September 2026

Es gibt einen Klassiker des Filmgenres, der immer wieder funktioniert: Der erfahrene Polizist kündigt an, dass er in wenigen Tagen in Pension geht und jeder im Kinosaal weiß, dass er den Abspann nicht mehr erleben wird. Dieses Klischee berührt, weil es eine reale Angst spiegelt. Viele kennen Fälle aus dem eigenen Umfeld, wie zum Beispiel den Onkel, der jahrzehntelang eingezahlt hat und den Ruhestand nicht mehr erleben durfte. Die Vorstellung, zu sterben, bevor man die Früchte eines langen Arbeitslebens genießen kann, wirkt wie eine der größten denkbaren Ungerechtigkeiten. Doch dieses Szenario hat eine weniger beachtete Kehrseite: Wer lange lebt, muss auch damit rechnen, dass die finanziellen Mittel im Ruhestand nicht ausreichen.

Wenn die finanziellen Mittel nicht ausreichen

Laut OECD-Studie “Pensions at a Glance” verbringen Männer in Österreich nach dem Pensionsantritt im Schnitt 21,6 Jahre im Ruhestand, Frauen sogar 25,5 Jahre. Damit steht ihnen im internationalen Vergleich eine vergleichsweise lange Zeit für den Ruhestand zur Verfügung: Der OECD-Durchschnitt liegt bei 18,6 Jahren für Männer und 22,8 Jahren für Frauen. Dabei gingen Österreicher 1972 im Schnitt mit 61 Jahren in Pension, bei einer damaligen Lebenserwartung von 70 Jahren. Heute beträgt die Lebenserwartung bereits 82 Jahre und soll bis Ende des Jahrhunderts auf knapp 90 Jahre steigen. Das bedeutet: Wer heute in Pension geht, plant nicht für ein Jahrzehnt, sondern für zwei oder drei. Wer heute 60 ist und eine Frau, kann statistisch gesehen damit rechnen, ihren 85. Geburtstag zu feiern. Und wer Glück mit der Genetik hat, noch einige Jahre mehr.

Das tatsächliche Pensionsantrittsalter liegt bei Frauen derzeit bei 60,7 Jahren, bei Männern bei 62,4 Jahren. Wer mit 61 in Pension geht und 87 wird, muss 26 Jahre lang aus eigenem Kapital und staatlicher Pension leben. Die Mathematik ist nüchtern, doch viele unterschätzen, wie lange ihre finanzielle Vorsorge im Ruhestand reichen muss. Die finanzielle Planung muss demnach auch Ausgaben berücksichtigen, die im Alter nur teilweise oder gar nicht von der öffentlichen Hand übernommen werden. Dazu können etwa Zahnbehandlungen gehören: Zahnimplantate können sich in Österreich schnell auf 20.000 bis über 30.000 Euro summieren. Auch bei Pflegeleistungen können je nach Betreuungsform und persönlicher Situation erhebliche private Kosten entstehen. Solche möglichen Ausgaben werden bei der langfristigen Ruhestandsplanung häufig zu wenig berücksichtigt.

Die Psychologie des fremden Ichs

Dass viele Menschen die finanziellen Herausforderungen eines langen Ruhestands systematisch unterschätzen, hat neurologische Gründe. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Gehirn auf das Vorstellen des eigenen zukünftigen Selbst ähnlich reagiert wie auf das Nachdenken über eine fremde Person. Das zukünftige Ich fühlt sich nicht wirklich wie man selbst an, und was einen nicht wirklich betrifft, dem schenkt man weniger Aufmerksamkeit und noch weniger Ressourcen.

Dieser Mechanismus erklärt, warum Altersvorsorge subjektiv so oft als abstrakt und wenig dringlich wahrgenommen wird. Laut einer repräsentativen Erhebung für die österreichische Altersvorsorge aus dem Jahr 2025 wissen 23 Prozent der Befragten nicht, wie groß ihre persönliche Pensionslücke ist. Bei Frauen liegt dieser Anteil sogar bei 30 Prozent. Mehr als die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass die gesetzliche Pension nicht ausreichen wird, um den bisherigen Lebensstandard zu halten. Und dennoch handeln nur wenige: gerade einmal 21 Prozent ergreifen bereits aktiv Maßnahmen zur Schließung ihrer Pensionslücke. Das ist kein Informationsproblem. Es ist ein Wahrnehmungsproblem. Die finanziellen Herausforderungen eines langen, unterfinanzierten Lebens sind real, aber weit entfernt genug, um diese auf morgen zu verschieben.

Der Irrtum der unveränderlichen Gegenwart

Neben dieser psychologischen Distanz zum zukünftigen Selbst existiert eine zweite, mindestens ebenso wirkmächtige kognitive Falle: der sogenannte Ewigkeitsirrtum. Psychologen beschreiben damit die menschliche Tendenz, die Bedingungen der Gegenwart als dauerhaft und unveränderlich zu erleben, als wären die aktuellen Verhältnisse stabiler als sie tatsächlich sind.

Das zeigt sich im Kleinen wie im Großen. Der frisch pensionierte 63-Jährige, der sich in bester Verfassung befindet, geht unbewusst davon aus, dass dieser Zustand anhält. Der Sportler, der Spitzenverdienste erzielt, konsumiert so, als wäre ein siebenstelliges Jahresgehalt ein dauerhafter Zustand. Kaum jemand, der 2019 die Pensionierung für 2020 plante, hatte außergewöhnliche externe Ereignisse als reale Möglichkeit in die Planung einbezogen.

Doch gerade bei Gesundheit und Pflegebedarf ist die Veränderung kein Ausnahmefall, sondern Gewissheit. Laut der Diakonie Österreich beziehen in Österreich mit Stand April 2025 knapp eine halbe Million Menschen Pflegegeld. Die Zahlen basieren auf Daten der Statistik Austria. Während der Anteil der Pflegegeldbezieher an der Gesamtbevölkerung bei rund 5,2 Prozent liegt, beträgt er in der Altersgruppe ab 81 Jahren bereits über 50 Prozent. Das bedeutet: Wer das achtzigste Lebensjahr überschreitet, hat eine Wahrscheinlichkeit von mehr als eins zu zwei, pflegebedürftig zu werden.

Das staatliche Pflegegeld reicht in der Praxis selten aus, um die tatsächlich anfallenden Pflegekosten zu decken, es ist als pauschalierter Beitrag konzipiert, nicht als vollständige Abdeckung. Die Differenz muss aus eigenem Vermögen oder familiären Ressourcen gedeckt werden. Wer diesen Kostenfaktor in der Ruhestandsplanung ausblendet, weil er in der Gegenwart gesund ist, riskiert einen relevanten Kostenfaktor in der Planung auszublenden.

Der Generationenvertrag unter Druck

Zur kognitiven Lücke kommt eine strukturelle hinzu. Bis 2040 steigt die Zahl der Menschen ab 65 Jahren laut Statistik Austria von rund 1,77 auf etwa 2,57 Millionen, während die erwerbsfähige Bevölkerung leicht zurückgeht. Mehr als ein Drittel der heute unselbstständig Beschäftigten wird bis 2040 in Pension gehen. Der Altersquotient, das Verhältnis von Pensionisten zu Beitragszahlenden, verschlechtert sich dabei kontinuierlich.

Österreichische Pensionskassen verwalten rund 28,6 Milliarden Euro für 1,12 Millionen Begünstigte, im Schnitt eine monatliche Zusatzpension von 417 Euro für jene, die bereits beziehen. Ein relevanter, aber für eine Laufzeit von 20 bis 25 Jahren im Ruhestand keineswegs ausreichender Puffer.

Ein heute 45-Jähriger kann mit rund 20 Prozent weniger staatlicher Pension rechnen als ein vergleichbarer Arbeitnehmer, der vor zehn Jahren in Ruhestand gegangen ist. Die Lücke zwischen dem, was das System leisten kann, und dem, was im Ruhestand benötigt wird, dürfte sich strukturell vergrößern.

Ein konkretes Gedankenexperiment

Was passiert, wenn man 95 wird? Oder 100? Diese Frage lässt sich mit einem einfachen Rechenbeispiel veranschaulichen.
Angenommen, jemand tritt mit 62 Jahren in Pension, hat Ersparnisse in Höhe von 200.000 Euro und bezieht eine staatliche Pension von 1.500 Euro netto monatlich. Bei Ausgaben von 2.200 Euro im Monat muss die Differenz von 700 Euro aus dem Ersparten gedeckt werden, das sind 8.400 Euro im Jahr. Bei einer Laufzeit von 30 Jahren bis zum 92. Lebensjahr ergibt das allein 252.000 Euro Zusatzbedarf, ohne Inflation und ohne Pflegekosten. Wer mit 80 pflegebedürftig wird und ein Pflegeheim benötigt, rechnet in Österreich je nach Bundesland mit Eigenkosten von 1.500 bis über 3.000 Euro monatlich, abzüglich des staatlichen Pflegegeldes, das je nach Pflegestufe zwischen 206 und 2.061 Euro monatlich beträgt.

Planen für ein langes Leben

Der Tod betrifft primär die Angehörigen. Ein langes Leben betrifft einen selbst. Beide Szenarien verdienen Aufmerksamkeit, aber die Gewichtung in der privaten Vorsorge ist historisch aus dem Lot: Der strukturierte Aufbau von Kapital für ein langes, womöglich pflegebedürftiges Leben wird in der privaten Vorsorgeplanung häufig zu wenig gewichtet.

Viele Österreicher halten eine früh angelegte private Vorsorge in Form von Wertpapieren, Lebensversicherungen oder Immobilien für sinnvoll, um dem Risiko der Altersarmut entgegenzuwirken. Das Bewusstsein ist da, die Handlung folgt jedoch deutlich seltener. Der entscheidende Hebel liegt im Zeitfaktor: Je früher mit dem Vermögensaufbau begonnen wird, desto geringer muss der monatliche Beitrag sein, um dasselbe Ergebnis zu erzielen. Wer mit 35 beginnt, hat einen strukturellen Vorteil gegenüber jemandem, der mit 50 dieselbe Lücke schließen will, und das ist weniger eine Frage von Disziplin, als von Arithmetik.

Das konstruktivste mentale Modell ist nicht die Frage, wann man zu sterben plant, sondern die Gegenfrage: Was brauche ich, wenn ich 90 werde? Wer diese Frage ernst nimmt, trifft heute bessere Entscheidungen, für ein Ich, das mit zunehmender Wahrscheinlichkeit tatsächlich existieren wird.

 

Über den Autor: Bernhard Führer

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