Der ETF-Boom und die Illusion vom einfachen Investieren

Der ETF-Boom und die Illusion vom einfachen Investieren

Erschienen im Standard im Mai 2026

Österreich entdeckt die Börse. Laut dem aktuellen Aktienbarometer 2026 besitzen mittlerweile 31 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung Wertpapiere – rund 2,4 Millionen Menschen. In der Erhebung 2022 lag dieser Wert bei nur 25 Prozent. Innerhalb von wenigen Jahren hat sich der Anteil der Anlegerinnen und Anleger damit spürbar erhöht – eine Entwicklung, die sich über den gesamten deutschsprachigen Raum zieht.

Der Treiber hinter dieser Bewegung ist bekannt: der ETF. Der Exchange Traded Fund – ein börsengehandelter Indexfonds – gilt als das Wundermittel der modernen Geldanlage. Günstig, transparent, verständlich. Und vor allem: angeblich einfach. Auf YouTube, Instagram und TikTok erklären Hunderte von Finfluencern, warum man eigentlich nur einen Sparplan einrichten, ein paar Jahrzehnte warten und dann reich aufwachen muss. Manche Videos tragen Titel wie “Reich mit ETFs: Ohne Vorkenntnisse zu Reichtum” oder “Jeder kann easy Millionär werden”. Die Botschaft ist stets dieselbe: Geldanlage ist einfach, und wer das noch nicht gemacht hat, ist selbst schuld.

Diese Erzählung verdient eine kritische Prüfung. Nicht, weil ETFs schlecht wären, sondern weil das, was weggelassen wird, oft entscheidender ist als das, was gesagt wird.

Was ETFs tatsächlich leisten

Beginnen wir mit dem, was stimmt. ETFs haben die Geldanlage für Privatpersonen tatsächlich demokratisiert. Wer früher sein Geld sinnvoll in Aktien investieren wollte, stand vor einer schwer überwindbaren Hürde: Welche Unternehmen kauft man? Wie analysiert man Bilanzen? Wie baut man ein Portfolio auf, das breit genug gestreut ist, um Einzelausfälle zu verkraften?

Indexfonds nehmen diese Frage von der Tagesordnung. Statt einzelner Aktien erwirbt man einen Anteil an Hunderten oder Tausenden von Unternehmen gleichzeitig, und das zu Verwaltungsgebühren, die frühere Generationen von Anlegern nicht für möglich gehalten hätten. Ein passiver ETF auf den MSCI World kostet heute oft weniger als 0,2 Prozent im Jahr, während aktiv verwaltete Fonds traditionell ein Vielfaches davon verlangen. Häufig werden diese trotz schlechterer Verzinsung und Renditen aufgrund hauseigener Produkte dennoch vertrieben.

Und hier liegt ein entscheidendes Detail: Diese Kostendifferenz macht einen gewaltigen Unterschied. Die jährlich erscheinende SPIVA-Studie von S&P Dow Jones Indices, der methodisch anerkannteste Leistungsvergleich zwischen aktiven und passiven Fonds, liefert ernüchternde Daten: Im Jahr 2024 verpassten 91 Prozent aller europäischen aktiv verwalteten Aktienfonds der Kategorie “Global Equity” ihre Benchmark – ein Rekordwert. Über einen Zehnjahreszeitraum lag die Underperformance-Rate in praktisch allen gemessenen Kategorien bei über 90 Prozent. Wer also einem aktiv verwalteten Fonds vertraut, spielt statistisch gesehen gegen ungünstige Quoten. Das ist ein gutes Argument für ETFs. Kein Argument jedoch dafür, dass Investieren an sich einfach ist.

Warum Finfluencer so erfolgreich sind

Dass die Erzählung “Investieren ist einfach” so verbreitet ist, hat mehrere Gründe – und nicht alle davon sind unehrenhaft.

Erstens die ökonomische Logik der Aufmerksamkeit: Klicks, Views und Reichweite entstehen durch starke, vereinfachende Botschaften. “Geldanlage war noch nie so einfach wie heute” zieht mehr Aufmerksamkeit als “Geldanlage ist komplex, kontextabhängig und erfordert langfristige Disziplin”. Das ist keine österreichische Eigenheit, es ist ein universelles Merkmal der “Aufmerksamkeitsökonomie”.

Zweitens der Expertendenkfehler: Wenn man etwas gelernt hat und beherrscht, fühlt es sich rückblickend einfach an. Der Schachspieler, der zwanzig Jahre lang geübt hat, erinnert sich nicht mehr daran, wie undurchdringlich das Spiel am Anfang war. Das Gleiche gilt für das Investieren: Die Grundprinzipien sind verständlich. Die konsistente, disziplinierte Umsetzung über Jahrzehnte ist es nicht.

Drittens der Rückschaufehler: Im Nachhinein wirkt es offensichtlich, dass man 2010 Apple-Aktien oder 2012 einen MSCI-World-ETF hätte kaufen sollen. Diese Eindeutigkeit ist eine Illusion, das Ergebnis wusste man eben erst hinterher. Wenn Finfluencer mit solchen historischen Beispielen argumentieren, ohne auf die Selektivität dieser Auswahl hinzuweisen, ist das nicht nur irreführend, sondern strukturell manipulativ.

Viertens die Verwechslung von Verstehen mit Umsetzen: Erfolgreiches Investieren ist kein Hochschulstudium. Aber es ist ein langfristiger Prozess, keine einmalige Entscheidung. Es erfordert die Fähigkeit, in Krisen ruhig zu bleiben, wenn alles nach Verkaufen schreit. Es erfordert Disziplin, einen Sparplan weiterzuführen, wenn die Kurse 30 Prozent gefallen sind. Und es erfordert ein Gespür für die eigene finanzielle Situation: Zeithorizont, Anlegerprofil, Lebenssituation, Liquiditätsbedarf, Risikobereitschaft u.Ä.

Das Klumpenrisiko, das im Kleingedruckten steht

Nehmen wir den S&P 500, den amerikanischen Leitindex. Er umfasst die 500 größten börsennotierten Unternehmen der USA und klingt damit nach breiter Streuung. Das ist er auch, mit einem wichtigen Vorbehalt: Rund 35 bis 40 Prozent seines Gesamtwerts entfallen auf die zehn größten Unternehmen. Die sieben größten davon, Apple, Microsoft, Nvidia, Amazon, Alphabet, Meta und Tesla, sind allesamt Technologiekonzerne, die massiv in Künstliche Intelligenz investiert haben.

Dieses Phänomen hat in der Finanzbranche einen Namen: Klumpenrisiko. Ein Index, der wie der S&P 500 nach Marktkapitalisierung gewichtet ist, verstärkt automatisch das Gewicht der Unternehmen, die bereits groß sind, und das müssen nicht unbedingt jene sein, die in Zukunft noch wachsen werden. Ein starker Rückgang im KI-Sektor etwa würde den gesamten Index empfindlich treffen.

Das bedeutet nicht, dass solche ETFs per se schlechte Investments wären. Es bedeutet, dass eine informierte Entscheidung ein Verständnis dieser Mechanismen voraussetzt, und dass das Bild, das Finfluencer oft zeichnen, deutlich vereinfachter ist als die Realität.

Vergangenheitsrenditen als Verkaufsargument

Ein zentrales Werkzeug in der ETF-Kommunikation ist die historische Rendite. Wer in den letzten 20, 30 oder 40 Jahren breit in Aktien investiert hat, konnte im Schnitt deutlich höhere Erträge erzielen als mit einem klassischen Sparbuch. Das ist faktisch richtig. Und es ist ein wirkungsvolles Argument. Was dabei meist fehlt: eine Erklärung dafür, warum diese Renditen so hoch waren, und ob sich das in den nächsten Jahrzehnten wiederholen lässt.

Die starke Aktienmarktperformance der vergangenen Jahrzehnte hatte mehrere strukturelle Ursachen. Eine davon war die Globalisierung: Europäische und amerikanische Konzerne profitierten über Jahrzehnte von der Erschließung neuer Absatzmärkte, günstiger Produktionsketten und einem stabilen Welthandelssystem. Seit der Rückkehr des Protektionismus ist dieses Modell unter Druck geraten. Eine zweite, oft übersehene Ursache war die Umstellung von Pensionssystemen in vielen Industrieländern, allen voran in den USA – über sogenannte 401(k)-Konten, private Pensionssparpläne mit Steuervorteilen. Das Ergebnis: Jahrzehntelang floss kontinuierlich frisches Kapital in ETFs und Aktienfonds, was die Kurse nach oben trieb.

Genau diese Logik hat jedoch ein Ablaufdatum. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen jetzt in Pension. Statt einzuzahlen, heben sie ab. Ob die Aktienmärkte der nächsten 20 Jahre so gute Verzinsungen erbringen werden wie jene der letzten 20 Jahre, ist offen. Der Satz, den Anbieter im Kleingedruckten stets schreiben, trifft die Sache präzise: Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Finanzinstruments zu. Problematisch wird es, wenn genau dieser Hinweis als Standard-Disclaimer abgehakt und dann sofort wieder vergessen wird.

Zwischen Demokratisierung und gefährlicher Vereinfachung

ETFs haben den Zugang zum Kapitalmarkt revolutioniert und bieten durch niedrige Kosten sowie breite Streuung enorme Vorteile gegenüber klassischen aktiven Fonds. Doch die populäre Erzählung, Vermögensaufbau sei “einfach”, blendet psychologische Hürden, strukturelle Klumpenrisiken und den Wandel der globalen Rahmenbedingungen oft aus. Wer investiert, muss verstehen, dass historische Renditen keine Garantie für die Zukunft sind und die disziplinierte Umsetzung in Krisenzeiten die wahre Herausforderung darstellt.

Ihre Meinung ist gefragt!

Welcher Aspekt des Anlegens und Investierens wird Ihrer Meinung nach am stärksten unterschätzt? Reicht die Finanzbildung in Österreich aus, um verantwortungsvoll zu investieren? Glauben Sie, dass die hohen Verzinsungen bzw. Renditen der letzten Jahrzehnte wiederholbar sind?

Im nächsten Blogbeitrag gehe ich darauf ein, welche konkreten Risiken bei der Auszahlung und der langfristigen Abhängigkeit vom Markt oft unterschätzt werden. (Bernhard Führer, 21.5.2026)

Über den Autor: Bernhard Führer

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