Japans Börsenjahrzehnte: Eine Lektion gegen Panik

Japans Börsenjahrzehnte: Eine Lektion gegen Panik

Erschienen im Standard, im April 2026

Wer lange genug an den Kapitalmärkten dabei ist, kennt das Muster: Kurse steigen, Kurse fallen, und irgendwo dazwischen verlieren Menschen Nerven und Geld – meist in dieser Reihenfolge. Dabei sind Kursrückgänge keine Anomalie, sondern ein strukturelles Merkmal funktionierender Märkte. Korrekturen von mehr als zehn Prozent treten statistisch mindestens einmal pro Jahr auf. Bärenmärkte – definiert als Rückgänge von über zwanzig Prozent – folgen im historischen Schnitt alle vier bis sechs Jahre. Das ist keine Kaffeesatzleserei, sondern schlicht die Empirie von über 150 Jahren Börsengeschichte.

Was sich dabei als deutlich schwieriger erweist als die Beobachtung dieser Muster: ihr Timing. Kein seriöser Analyst kann zuverlässig vorhersagen, wann genau ein Einbruch kommt – auch wenn die Finanzbranche regelmäßig Stimmen hervorbringt, die genau das behaupten. Was sich hingegen mit historischer Verlässlichkeit sagen lässt: Auf Abschwünge folgten, im breiten Marktdurchschnitt und bei ausreichender Diversifikation, stets wieder Erholungen. Ohne Ausnahme – mit einer gewichtigen Einschränkung.

Das unbequeme Gegenbeispiel: Japan

Wann immer jemand argumentiert, Aktienmärkte würden sich langfristig stets erholen, taucht dasselbe Gegenbeispiel auf – und es sitzt: Japan.
Der Nikkei 225 erreichte im Dezember 1989 seinen Rekordstand von 38.915 Punkten, bevor die Spekulationsblase platzte und der Immobilienmarkt zusammenbrach. Was folgte, war kein gewöhnlicher Abschwung. Allein zwischen Dezember 1989 und Juli 1992 fiel der japanische Leitindex von knapp 39.000 Punkten auf nur noch 14.500 Punkte – ein Verlust von 62 Prozent. Danach bewegte sich der Index mehr als drei Jahrzehnte lang seitwärts – ein Zeitraum, der die gesamte Berufslaufbahn eines Investors umfassen kann.

Erst am 22. Februar 2024 übertraf der Nikkei 225 seinen alten Höchststand von 1989 und erreichte erstmals wieder die Marke von 39.000 Punkten. Wer 1989 investiert hatte, wartete also 34 Jahre auf eine positive Rendite. Das ist kein statistisches Randphänomen – es ist die reale Erfahrung einer ganzen Anlegergeneration.
Nun könnte man einwenden, dass die japanische Aktienblase der 1980er Jahre in ihrer Exzessivität nahezu einmalig war – ein spekulativer Überschwang, bei dem Immobilien in Tokio zeitweise mehr wert waren als der gesamte Grundbesitz der USA. Das stimmt. Aber der Einwand ist nur bedingt beruhigend. Auch der Nasdaq Composite kollabierte nach dem Platzen der Dotcom-Blase: Der amerikanische Nasdaq-Composite-Index erreichte am 10. März 2000 einen Höchststand bei 5.048 Punkten und verlor bis Oktober 2002 mehr als drei Viertel seines Werts. Laut einer Analyse der NZZ übersprang der Nasdaq erst im April 2015 wieder seine damalige Höchstmarke – also mehr als 15 Jahre später. Der Unterschied: Der Nasdaq erholte sich innerhalb von 15 Jahren, Japan hingegen brauchte, wie beschrieben, über drei Jahrzehnte.

Was Japan wirklich lehrt und was nicht

Die japanische Börsenerfahrung wird oft als ultimatives Argument gegen Aktieninvestments zitiert. Doch dabei wird ein entscheidender Aspekt übersehen: die Frage, wie jemand investiert hat.

Der typische Anleger kauft keine große Einmalsumme auf dem Marktgipfel und hält sie dann starr durch. Realistischer ist das Bild eines Menschen, der über Jahrzehnte hinweg regelmäßig kleinere Beträge anlegt – per Sparplan, durch Gehaltszahlungen in Pensionsfonds oder durch kontinuierliche Einzahlungen in ein Depot.

Eine Modellrechnung verdeutlicht den Unterschied drastisch: Wer ab 1980 täglich umgerechnet einen Euro in japanische Aktien investiert hätte, wäre nach dem großen Kurseinbruch Anfang der 1990er Jahre nicht im Minus gewesen. Der Portfoliowert sank erst im Jahr 2000 erstmals unter die eingesetzten Mittel – also zehn Jahre nach dem Hoch, nicht sofort. Und der Zeitraum mit negativen Renditen beschränkte sich auf die Jahre 2000 bis 2017 – siebzehn Jahre statt vierunddreißig.

Siebzehn Jahre negative Rendite ist kein erfreuliches Ergebnis. Aber es ist annähernd halb so lang wie das Schicksal jener, die 1989 einmalig investierten. Der Mechanismus dahinter ist mathematisch simpel: Wer in fallende Märkte hinein regelmäßig kauft, erwirbt mehr Anteile zu niedrigeren Preisen. Steigen die Kurse irgendwann wieder, profitiert dieses größere Volumen überproportional. In der Finanzliteratur spricht man vom Cost Averaging – einem Effekt, der in ausgeprägten Marktabschwüngen besonders stark wirkt.

Emotionen als eigentliches Risiko

Die entscheidende Schwierigkeit bei einmaliger und laufender Anlage liegt nicht in der Mathematik, sondern in der menschlichen Psychologie. Wer erlebt, wie sein Portfolio Jahr für Jahr schrumpft, steht unter permanentem Druck – durch eigene Zweifel, durch das Umfeld, durch Medien, die Katastrophen besser verkaufen als Kontinuität.
Das ist kein neues Phänomen. Am 13. August 1979 erschien auf dem Cover von BusinessWeek die Titelstory “The Death of Equities: How Inflation Is Destroying the Stock Market”. Der Artikel prognostizierte das dauerhafte Ende der Aktie als Anlageklasse – und lag spektakulär falsch. Wie Bloomberg 40 Jahre später festhielt: Drei Jahre nach dem Erscheinen des Artikels erreichte der Markt seinen Tiefpunkt und begann anschließend einen der stärksten Aufschwünge der Nachkriegsgeschichte. Der S&P 500 stand zur Zeit der Veröffentlichung bei 107 Punkten; bis März 2000 stieg er auf 1.527 Punkte – ein Kursgewinn von mehr als dem 14-Fachen, also rund 13,7 Prozent pro Jahr über fast 21 Jahre.

Ähnliche Narrative tauchten nach der Finanzkrise 2008 auf, nach dem Einbruch durch die Covid-Pandemie 2020, und sie tauchen auch heute auf, mit dem Verweis auf geopolitische Spannungen, die Risiken durch Künstliche Intelligenz oder die langfristige Tragfähigkeit von Staatsverschuldungen. Diese Stimmen sind nicht immer falsch. Manche Risiken, die sie benennen, sind real. Aber sie haben sich historisch als schlechte Handlungsgrundlage für Anlageentscheidungen erwiesen, weil sie systematisch unterschätzen, wie widerstandsfähig Volkswirtschaften und Unternehmen über lange Zeiträume sind.

Wie sinnvoll und nachhaltig Investieren?

Am Ende läuft die Entscheidung, ob und wie man an Kapitalmärkten investiert, auf eine grundlegende Frage hinaus: Woran glaubt man eher – an die Ausnahmen, in denen Märkte dauerhaft versagen, oder an die historische Regel, dass sie langfristig wachsen? Das ist keine moralische Frage. Es ist eine empirische. Und die Empirie spricht bisher – mit Japan als prominentester Ausnahme und wichtigster Lektion – für Geduld, Diversifikation und laufende Investitionen über lange Zeiträume. Nicht über Jahre. Über Jahrzehnte. (Bernhard Führer, 21.4.2026)

Über den Autor: Bernhard Führer

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