Nachhaltig ohne es zu wissen: Wie ESG-Fonds den österreichischen Fondsmarkt still dominieren

Nachhaltig ohne es zu wissen: Wie ESG-Fonds den österreichischen Fondsmarkt still dominieren

Wer heute ein Fondsdepot besitzt, investiert mit hoher Wahrscheinlichkeit in Nachhaltigkeit – ob gewollt oder nicht. Über die Hälfte aller Assets in österreichischen Wertpapierfonds sind mittlerweile gemäß der europäischen Offenlegungsverordnung SFDR als nachhaltig deklariert – ein neuer absoluter Höchststand beim verwalteten Vermögen von 120,6 Milliarden Euro. Das klingt nach einem Erfolg der Klimapolitik. Es ist aber vor allem das Ergebnis eines regulatorischen Rahmens, der weit mehr Fonds in die Nachhaltigkeitskategorie zieht, als viele Anlegerinnen und Anleger vermuten würden.

Was hinter dem Begriff „nachhaltig” steckt – und was nicht

ESG steht für Environmental, Social und Governance – also Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung. Der Begriff klingt präzise, ist es aber nicht. Für diese Kriterien existieren keine verbindlichen Definitionen, und viele Fonds begnügen sich damit, aus besonders umstrittenen Branchen wie Waffen oder Tabak auszusteigen – ohne dass dies messbar zur ökologischen oder gesellschaftlichen Verbesserung beiträgt.

Das illustriert ein konkretes Beispiel besonders deutlich: Ein bekannter Pharmakonzern erhält von einer Ratingagentur Spitzennoten im ESG-Bereich, während eine andere ihn im unteren Drittel führt. Zwischen den großen ESG-Ratings besteht in den meisten Fällen kein messbarer Zusammenhang – die Bewertungen weichen stark voneinander ab. Wer sich auf ein einzelnes ESG-Siegel verlässt, trifft damit keine fundierte Entscheidung, sondern vertraut einer schwarzen Box.

Die stille Verschiebung im Beratungsalltag

So sind Banken einerseits verpflichtet, ESG-Kriterien bei Kundinnen und Kunden mit entsprechender Präferenz zu berücksichtigen. Andererseits bedeutet das Fehlen einer solchen Präferenz jedoch nicht automatisch, dass eine ESG-freie Anlagestrategie gewählt wird – vielmehr können diese Kunden als „ESG-neutral” eingestuft werden, womit Anlagelösungen mit expliziter ESG-Berücksichtigung trotzdem zum Einsatz kommen.

Eine Studie der Schweizer Bankiervereinigung in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern zeigt, wie verbreitet diese Praxis ist: Kunden ohne ESG-Präferenz landen bei rund der Hälfte der untersuchten Banken in denselben Anlagelösungen wie jene mit explizitem Nachhaltigkeitswunsch. Österreich dürfte dabei keine Ausnahme sein. Das Thema beschäftigt auch die österreichische Finanzmarktaufsicht, die 2025 einen analytischen Schwerpunkt auf die Offenlegungen zu nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen am österreichischen Finanzmarkt gelegt hat.

Die Ursache liegt nicht in bösem Willen, sondern in der Struktur der Regulierung. Schweizer Banken sind in der Ausgestaltung ihrer Nachhaltigkeitsbefragungen frei und können Kunden so in eine bestimmte Richtung lenken – was zu erheblichen Unterschieden beim Anteil der Anlagekundschaft führt, die eine ESG-Präferenz äußert. Je nach Institut liegt dieser Anteil zwischen rund 20 und 90 Prozent. Die Bandbreite dieser Zahlen zeigt, wie sehr das Ergebnis von der Formulierung der Fragen abhängt – und weniger von den tatsächlichen Wünschen der Anleger.

Ein Regulierungsrahmen, der mehr Fragen aufwirft als er beantwortet

Im Zentrum dieser Entwicklung steht die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR), die seit 2021 EU-weit für alle Finanzprodukte gilt. Sie verpflichtet Finanzmarktteilnehmer und -berater zur Offenlegung von ESG-Merkmalen ihrer Produkte. Ziel ist es, Transparenz zu schaffen, informierte Anlageentscheidungen zu ermöglichen und Greenwashing entgegenzuwirken.

Die Verordnung unterteilt Fonds in drei Kategorien: Artikel 6 (keine besonderen Nachhaltigkeitsmerkmale), Artikel 8 (fördert ökologische oder soziale Merkmale) und Artikel 9 (verfolgt ein konkretes Nachhaltigkeitsziel). In der Praxis hat diese Einteilung jedoch unbeabsichtigte Nebeneffekte erzeugt. Da Artikel-8-Fonds kein konkretes Nachhaltigkeitsziel vorweisen müssen, ist die Kategorie sehr breit gefasst – und viele Produkte, die nur marginale ESG-Eigenschaften aufweisen, fallen trotzdem darunter.

Ein Vorschlag zur Überarbeitung der SFDR sieht ein neues, vierstufiges Kategorisierungssystem vor: von „Sustainable” über „Transition” und „ESG Collection” bis hin zu „Unclassified” – also Produkte ohne ESG-Anspruch. Ob diese Reform die Orientierung für Anleger tatsächlich verbessern wird, bleibt abzuwarten.

Auch das Thema unabhängige Beratung in Österreich spielt in diesem Zusammenhang eine unterschätzte Rolle: Wer Provisionen erhält, hat strukturell einen Anreiz, bestimmte Fondsprodukte zu empfehlen – unabhängig davon, ob diese zur tatsächlichen Situation und den Wünschen der Anleger passen.

Wenn ESG-Fonds schlechter abschneiden als ihr Ruf

Zur inhaltlichen Orientierungslosigkeit kommt ein handfestes Rendite-Problem. Ein Blick auf globale Aktienindizes zeigt, dass ESG-Indizes je nach Zeitraum sowohl besser als auch schlechter abschneiden können als der klassische Vergleichsindex. In den letzten drei Kalenderjahren führte die Berücksichtigung von ESG-Eigenschaften tendenziell zu Minderrenditen.

Das ist kein Zufall, sondern strukturell bedingt: Vor allem die unterschiedlichen ESG-Ansätze führen zu einer erheblichen Streuung der Performance von ESG-Anlageprodukten. Das größte Problem rund um das Thema nachhaltiges Investieren ist, dass es keinen Konsens über die Definition von Nachhaltigkeit oder ESG gibt. Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt dabei ein überraschendes Ergebnis: Selbst bei passiv verwalteten ESG-ETFs, die dasselbe Thema abbilden sollten, treten enorme Performanceunterschiede auf – die Fondsrenditen hängen weitgehend von fondsspezifischen Entscheidungen ab, wie ESG-Informationen integriert werden, und nicht von einem gemeinsamen Nachhaltigkeitsfaktor.

Hinzu kommt, dass die Qualität der zugrundeliegenden Daten häufig mangelhaft ist: Eine Umfrage der BaFin unter Kapitalverwaltungsgesellschaften legt schonungslos offen, dass 87 Prozent der Befragten die Kosten der ihnen gelieferten ESG-Ratings als unangemessen hoch betrachten – und dass die zugrundeliegenden Daten teilweise unvollständig, von schlechter Qualität und zu wenig aktuell seien.

Der globale Rückenwind hat nachgelassen

ESG-Fonds haben in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Talfahrt erlebt. Das Jahr 2025 war zweifellos eine Herausforderung für nachhaltiges Investieren. Geopolitische Spannungen, eine ablehnende Haltung gegenüber ESG, regulatorische Unsicherheiten und uneinheitliche Wertentwicklungen beeinträchtigen die Nachfrage der Anleger nach nachhaltigen Fonds.

Nachhaltige Fonds verzeichneten global im Jahr 2025 Nettoabflüsse in Höhe von 84 Milliarden Dollar, im Gegensatz zu Zuflüssen über 38 Milliarden Dollar im Vorjahr. Der Rückzug ist vor allem in den USA ausgeprägt, wo politischer Druck die Branche stark unter Beschuss genommen hat. In Deutschland hingegen zeigt sich eine ähnliche Tendenz: Laut einer Umfrage investieren lediglich 16 Prozent der befragten Deutschen in nachhaltige Finanzprodukte – 2022 waren es noch 24 Prozent.

Österreich stellt dabei eine auffällige Ausnahme dar. Die jährliche Austrian ESG Funds Survey belegt: In Österreich halten sowohl Anbieter als auch Anleger am Nachhaltigkeitsprinzip fest – der Anteil deklarierter ESG-Fonds am Gesamtmarkt bleibt auf hohem Niveau stabil. Ob das an aufgeklärteren Anlegerinnen und Anlegern liegt, an der Marktmacht der großen heimischen Fondsgesellschaften oder schlicht an der Trägheit des Systems, lässt sich schwer sagen. Drei Anbieter – Raiffeisen KAG, Erste Asset Management und Amundi Austria – vereinen allein 71,7 Prozent der zertifizierten ESG-Assets auf sich. Diese Konzentration legt nahe, dass die Marktstruktur selbst eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von ESG-Produkten spielt.

Was Transparenz in diesem Bereich tatsächlich bedeuten würde

Mehr Transparenz wäre wünschenswert – aber sie beginnt schon bei der Frage, was mit „ESG” eigentlich gemeint ist. Die europäische Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA hat neue Regeln eingeführt, wonach Fonds, die in ihrem Namen auf Nachhaltigkeit hinweisen, dies nachweislich auch tun müssen. Die Aufsichtsbehörden in Deutschland, Österreich und Luxemburg haben bestätigt, dass sie diese Leitlinie vollständig in ihre Verwaltungspraxis übernehmen werden.

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wer allerdings wissen möchte, ob das eigene Portfolio tatsächlich nachhaltig investiert, sollte tiefer schauen als nur auf Fondsnamen oder SFDR-Kategorien. Dazu gehört das Lesen der Prospekte ebenso wie die kritische Auseinandersetzung mit den jeweils verwendeten ESG-Kriterien. Dass Verhaltensmuster bei der Geldanlage oft weniger rational ausfallen als angenommen – etwa durch das Vertrauen in Signalwörter wie „nachhaltig” oder „grün” – ist ein gut belegtes Phänomen der Verhaltensökonomie, das auch im Bereich ESG wirksam ist.

Die österreichische Finanzmarktaufsicht hat mit der SFDR einen harmonisierten Rechtsrahmen geschaffen, der Transparenz über die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsrisiken in Finanzprodukte schaffen soll. Ab 2026 wird der Anwendungsbereich durch neue EU-Richtlinien weiter angepasst. Was gut gemeint ist, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Regulierung allein kein Ersatz für informierte Entscheidungen ist.

Wer nachhaltig investieren möchte, weil es ihm ein Anliegen ist, sollte genau prüfen, was hinter diesem Begriff steckt. Und wer es nicht möchte, sollte zumindest wissen, dass er es möglicherweise längst tut.

Über den Autor: Bernhard Führer

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