Österreich spart viel und verliert dabei still an Vermögen

Österreich spart viel und verliert dabei still an Vermögen

Erschienen im Standard im Mai 2026

Österreich ist eine Nation von Sparern – das steht außer Frage. Doch hinter dem Geldvermögen von 936,7 Milliarden Euro, das österreichische Haushalte laut Österreichischer Nationalbank angehäuft haben, verbirgt sich ein strukturelles Paradox: Wer ausschließlich auf klassische Einlagenprodukte setzt, spart fleißig – und verliert dennoch.

Das Sparbuch: Komfortzone mit Ablaufdatum

Im Jahr 2024 legten österreichische Haushalte 11,7 Prozent ihres verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante – deutlich mehr als in den Vorjahren und klar über dem Vor-Corona-Schnitt von acht Prozent. 2025 sank die Sparquote laut Statistik Austria auf 9,9 Prozent. Ein Rückgang, der allerdings vor allem auf sinkende Realeinkommen (-1,6 Prozent) zurückzuführen ist und nicht auf eine gestiegene Konsumfreude. Das Niveau bleibt damit weiterhin spürbar über dem historischen Durchschnitt. Die Sparneigung ist also ungebrochen. Die Frage ist nur, wohin das Geld fließt.

Der Löwenanteil landet nach wie vor auf Girokonten und Spareinlagen. So machen Einlagen mit 36 Prozent den größten Anteil am gesamten Geldvermögen aus. Das ist verständlich, Einlagen sind einfach, vertraut und fühlen sich sicher an. Doch diese Sicherheit ist trügerisch.

Das reale Finanzvermögen der privaten Haushalte lag laut OeNB Ende 2024 noch rund zehn Prozent unter jenem Niveau, das dem langfristigen Trendwachstum entsprechen würde. Die Kaufkraftlücke der vergangenen Inflationsjahre ist also noch längst nicht geschlossen, auch wenn die Kontoauszüge nominell (= vor Inflation) etwas anderes suggerieren.

Die Zinswende: Kurzes Aufatmen, neue Ernüchterung

Die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank ab 2022 haben Sparbuch und Festgeld kurzfristig wieder attraktiver gemacht. Viele Österreicherinnen und Österreicher nutzten die Gelegenheit, um Geld auf besser verzinste gebundene Einlagen umzuschichten. Doch dieser Aufschwung ist bereits wieder Geschichte.

Die EZB senkte im Jahr 2025 die Leitzinssätze in vier Schritten um insgesamt einen Prozentpunkt. Die Folgen für Sparerinnen und Sparer sind direkt spürbar: Für neue Festgeld-Einlagen erhielten österreichische Haushalte Ende 2025 nur noch 1,62 Prozent – gegenüber 2,43 Prozent Ende 2024. Täglich fällige Einlagen auf Sparkonten rentierten zuletzt mit durchschnittlich lediglich 0,69 Prozent. Das Zeitfenster, in dem klassisches Sparen reale Erträge abwirft, hat sich damit wieder deutlich verengt.

Die Reaktion der Haushalte ließ nicht lange auf sich warten: Während sie in den Jahren 2023 und 2024 ihr Volumen auf Sparkonten noch um insgesamt 37 Milliarden Euro erhöhten, flossen 2025 nur noch rund zwei Milliarden Euro in neue Spareinlagen. Parallel dazu stiegen die Guthaben auf Girokonten um acht Milliarden Euro. Geld, das nominell verfügbar bleibt, aber faktisch kaum verzinst wird.

Was Zahlen verschweigen

Ein Blick auf die vergangene Dekade macht das strukturelle Problem deutlicher als jeder Zinssatzvergleich. Das gesamte Geldvermögen österreichischer Haushalte hat zwar nominell Rekordwerte erreicht – real sieht die Bilanz aber schlechter aus.
Ein wesentlicher Grund: Wertpapiere spielen in österreichischen Haushalten nach wie vor nur für eine Minderheit eine Rolle. Laut OeNB vom Dezember 2025 halten lediglich zwölf Prozent der Haushalte Investmentfonds, sechs Prozent Aktien und drei Prozent Anleihen.

Was feiern wir? Klänge, die verbinden. Künstler*innen aus aller Welt. Und das treue Publikum. Zum Jubiläum geben sich in Innsbruck Weltstars die Ehre – und mit «Il pomo d’oro» von Cesti wird die Barockoper aller Barockopern endlich wieder aufgeführt.

Die große Mehrheit der Bevölkerung hat an den Kursgewinnen der vergangenen Jahre also kaum partizipiert, obwohl der Wertpapieranteil am gesamten Haushaltsgeldvermögen seit 2019 von 17 auf 21 Prozent gestiegen ist und damit im Juni 2025 einen historischen Höchststand erreicht hat.

Noch aufschlussreicher ist die Verteilung des Sparens selbst. Laut OeNB spart die “typische” Mitte der Bevölkerung rund 300 Euro pro Monat – der Durchschnitt liegt mit rund 490 Euro jedoch deutlich höher, weil wohlhabendere Haushalte überproportional große Beträge zurücklegen. Die gesamtwirtschaftliche Sparquote kann also steigen, während ein erheblicher Teil der Bevölkerung davon strukturell ausgeschlossen bleibt.

Langsam, aber messbar, verändert sich das Bild. Der Wertpapierbestand österreichischer Haushalte erreichte mit 197,3 Milliarden Euro einen historischen Höchststand – angetrieben vor allem durch Investmentfonds (108 Milliarden Euro), börsennotierte Aktien (49,9 Milliarden Euro) und verzinsliche Wertpapiere (39,4 Milliarden Euro).

Im Jahr 2025 flossen zusätzliche sieben Milliarden Euro in Investmentfonds und sechs Milliarden Euro in Schuldverschreibungen – ein deutliches Signal, dass sinkende Einlagenzinsen das Anlageverhalten tatsächlich verschieben.
Ob sich daraus eine nachhaltige Verhaltensänderung in der breiten Bevölkerung entwickelt, bleibt abzuwarten.

Das eigentliche Problem

Im Kern geht es beim Sparverhalten weniger um die Frage, welches Produkt gerade die besten Konditionen bietet, als um ein grundsätzlicheres Verständnis davon, wie Kapital über Zeit arbeitet. Das Sparbuch ist kein schlechtes Instrument. Es hat seinen Platz als liquider Puffer für kurzfristige Ausgaben und unerwartete Ereignisse. Als langfristiges Vermögensaufbauinstrument greift es jedoch strukturell zu kurz.

Das netto verfügbare Einkommen österreichischer Haushalte ist 2024 um 7,8 Prozent auf 289,6 Milliarden Euro gestiegen – davon wurden 88,3 Prozent für den Konsum aufgewandt und 11,7 Prozent gespart. Es mangelt also nicht am verfügbaren Kapital, sondern am Impuls, die gewohnten Pfade zu verlassen.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Österreicherinnen und Österreicher genug sparen – sie sparen viel. Die Frage ist, ob das, was gespart wird, auch klug eingesetzt wird, und ob die Lücke zwischen Sparbereitschaft und Investitionsbereitschaft in den nächsten Jahren kleiner wird.

Was sagen Sie dazu?

Ist das Sparbuch für viele Österreicherinnen und Österreicher eine finanzielle Komfortzone, die man ungern verlässt, obwohl man es längst besser weiß? Und wie handhaben Sie es persönlich? (Bernahrd Führer, 6.5.2026)

Über den Autor: Bernhard Führer

Teile diesen Artikel und wähle deine Plattform!