Warum aktive Fonds in der Altersvorsorge selten halten, was sie versprechen

| 18.08.2026| Steuern|

Der teure Irrglaube: Warum aktive Fonds in der Altersvorsorge selten halten, was sie versprechen

In der betrieblichen Altersvorsorge geht es um sehr viel: um das Kapital von über einer Million Anwartschafts- und Leistungsberechtigter allein in österreichischen Pensionskassen, um langfristige Renditeerwartungen und um die Frage, wie dieses Kapital am klügsten angelegt wird. Eine Entscheidung, die dabei regelmäßig getroffen wird, aber selten offen hinterfragt wird, ist jene zwischen aktiv gemanagten Fonds und passiven Indexlösungen. Die Zahlen sprechen dabei eine deutliche Sprache – und die lässt sich kaum schönreden.

Pensionskassen in Österreich: Ein System unter Beobachtung

Österreichische Pensionskassen verwalteten zum Ende des ersten Halbjahres 2024 ein Gesamtvermögen von rund 27,6 Milliarden Euro – ein Anstieg von 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 95,5 Prozent dieses Vermögens wird indirekt über Investmentfonds gehalten. Die Asset Allocation zeigt, dass Aktien mit knapp 40 Prozent die größte Anlageklasse darstellen, gefolgt von Schuldverschreibungen mit rund 33 Prozent.

Die Veranlagungsperformance war im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre mit 3,11 Prozent jährlich positiv, aber mit erheblichen Schwankungen verbunden: von +11,6 Prozent im Jahr 2019 bis –9,7 Prozent im Jahr 2022. Diese Volatilität ist strukturell bedingt – und macht die Frage nach der richtigen Anlagestrategie umso dringlicher.

Entscheidend ist dabei nicht nur, welche Renditen erzielt werden, sondern auch, wie viel von diesen Renditen nach Kosten übrig bleibt.

Was aktive Fonds versprechen – und was die Datenlage zeigt

Das Versprechen aktiver Fonds ist attraktiv: Ein erfahrenes Managementteam analysiert Märkte, wählt gezielt Wertpapiere aus und soll dadurch den Marktdurchschnitt übertreffen. Im Idealfall schützt dieser Ansatz vor Verlusten in Abschwungphasen und generiert in guten Zeiten Mehrrendite.

Die internationale Evidenz zeigt jedoch, dass dieses Versprechen in der Praxis selten eingelöst wird. Die jährlich erscheinende SPIVA Europe Scorecard – die führende, unabhängige Analyse aktiver Fondsperformance gegenüber passiven Vergleichsindizes – dokumentiert das Ausmaß der Underperformance präzise: Laut dem Jahresendreport 2024 schlugen über einen Zehn-Jahres-Zeitraum 98,2 Prozent der aktiv verwalteten globalen Aktienfonds nicht ihre Benchmark. Über einen Fünf-Jahres-Zeitraum lagen 85 Prozent der Europa-Aktienfonds unter dem Vergleichsindex.

Das ist kein temporäres Marktphänomen. Das SPIVA-Projekt dokumentiert diese Tendenz seit über zwei Jahrzehnten, über verschiedene Marktzyklen und geografische Regionen hinweg. Die nüchterne Schlussfolgerung: Über längere Zeiträume übertrifft kein aktiver Manager dauerhaft und zuverlässig seinen Vergleichsindex.

Der Kostenvorteil passiver Anlagen ist kein Kleinigkeit

Ein zentrales Argument für passive Indexfonds ist die Kostendifferenz. Aktiv verwaltete Aktienfonds in Europa verlangen typischerweise jährliche Verwaltungsgebühren zwischen 1,2 und 1,8 Prozent des verwalteten Vermögens. Passive ETFs auf breite Aktienindizes sind hingegen oft für 0,05 bis 0,3 Prozent pro Jahr zu haben.

Auf den ersten Blick erscheint der Unterschied von einem Prozentpunkt marginal. Auf lange Sicht ist er es nicht. Bei einem verwalteten Kapital von 100.000 Euro und einem Anlagehorizont von 20 Jahren entspricht der jährliche Unterschied von einem Prozent an Kosten – bei sonst gleicher Bruttoperformance – einem Kapitalunterschied von rund 22.000 Euro am Ende des Zeitraums. Bei institutionellen Anlegern wie Pensionskassen, die Milliarden verwalten, skaliert sich dieser Effekt entsprechend.

Die FMA-Marktstudie zu Fondsgebühren österreichischer Publikumsfonds 2024 bestätigt, dass passive Fonds statistisch signifikant geringere Gebühren aufweisen als aktive. Trotzdem dominieren aktiv verwaltete Strategien nach wie vor den österreichischen Markt.

Wie wichtig es ist, die eigene Kostenstruktur kritisch zu hinterfragen und warum teure aktive Strategien selten das halten, was sie versprechen, beleuchtet der Beitrag „Investieren ist leicht” – Realität vs. Märchenstunde bei Finfluencern – und zeigt dabei strukturelle Parallelen zu den Argumentationsmustern aktiver Fondsmanager.

Krisenschutz durch aktive Verwaltung: Mythos oder Realität?

Ein häufig vorgebrachtes Argument für aktive Fonds lautet: In Krisenzeiten können Manager rechtzeitig umschichten und so Verluste abfedern. Das klingt einleuchtend – ist aber empirisch kaum belegbar.

Studien über vergangene Börsenphasen zeigen, dass aktive Fonds in Abschwungphasen im Durchschnitt weder systematisch besser noch schlechter abschneiden als ihre Vergleichsindizes. Es gibt Fonds, die in bestimmten Krisen weniger verloren haben – aber ebenso viele, die mehr verloren haben. Das Problem: Welcher Fonds in der nächsten Krise zu welcher Gruppe gehören wird, lässt sich im Vorhinein nicht zuverlässig bestimmen.

Hinzu kommt ein oft übersehenes statistisches Phänomen: Aktive Fonds, die langfristig schlechte Performance liefern, werden häufig geschlossen oder mit anderen Fonds verschmolzen. Aus dem SPIVA-Datensatz geht hervor, dass über einen Zehn-Jahres-Zeitraum rund 42 Prozent der aktiven globalen Fonds in Europa fusioniert oder liquidiert wurden. Das bedeutet: Wer nur die überlebenden Fonds betrachtet, sieht ein verzerrtes Bild – die Underperformer sind schlicht nicht mehr vorhanden.

Was das für Pensionskassen bedeutet

Für österreichische Pensionskassen – die treuhänderisch im Interesse der Anwartschafts- und Leistungsberechtigten handeln – ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Der Einsatz aktiver Fonds muss gut begründet und regelmäßig evaluiert werden. Die Frage ist nicht, ob ein aktiver Fonds in der Vergangenheit gute Ergebnisse geliefert hat, sondern ob zu erwarten ist, dass er dies auch netto nach Kosten und risikoadjustiert dauerhaft tut.

Die FMA als österreichische Aufsichtsbehörde für Pensionskassen hält in ihrem Lagebericht fest, dass die österreichischen Pensionskassen trotz ihres langfristigen Anlagehorizonts mit erheblicher Performancevolatilität konfrontiert sind – und dass 82 Prozent der Pensionskassenzusagen auf die gesetzlich vorgesehene Mindestertragsgarantie durch „Opting Out” verzichten. Das erhöht die Bedeutung einer kosteneffizienten, strukturell robusten Anlagestrategie erheblich.

Die Wahl zwischen aktiver und passiver Veranlagung hat dabei direkte Auswirkungen auf die Höhe der späteren Zusatzpensionen: Höhere Kosten bei ausbleibendem Mehrertrag reduzieren das verfügbare Kapital und damit die monatlichen Auszahlungen an Pensionistinnen und Pensionisten.

Ein wichtiger Einwand: Wann aktives Management tatsächlich Sinn ergeben kann

Die pauschale Ablehnung jeder aktiven Strategie wäre zu vereinfacht. Es gibt Marktsegmente, in denen aktive Manager tatsächlich eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit haben – etwa in weniger effizienten Märkten wie Small Caps oder Schwellenländeranleihen, wo Informationsasymmetrien noch bestehen. Auch der SPIVA-Bericht für 2024 zeigt, dass aktive Small-Cap-Manager in den USA in jenem Jahr ihr bestes Jahr seit zwei Jahrzehnten hatten.

Das Grundproblem bleibt aber bestehen: Selbst wenn ein aktiver Manager in einem Jahr oder einer Marktphase überdurchschnittlich abschneidet, gibt es kaum verlässliche Mechanismen, um vorherzusagen, welcher Fonds in der nächsten Phase zu den Gewinnern gehört. Die Europe Persistence Scorecard belegt, dass nur 0,4 Prozent der globalen Aktienfonds über fünf Jahre im obersten Leistungsquartil verbleiben konnten – ein Wert, der statistisch kaum von reinem Zufall zu unterscheiden ist.

Kosten, Transparenz, Verantwortung

Die Debatte zwischen aktiv und passiv ist letztlich auch eine Frage der treuhänderischen Verantwortung. Pensionskassen sind nicht nur Finanzinstitutionen, sondern Hüter der Altersvorsorge ihrer Mitglieder. Dass rund jeder vierte unselbständig Erwerbstätige in Österreich eine Anwartschaft auf Leistungen aus einer Pensionskasse hat, macht diese Entscheidung gesellschaftlich relevant.

Was beim langfristigen Vermögensaufbau gilt, trifft für institutionelle Anleger in noch stärkerem Maß zu: Kosten sind die einzige Renditekomponente, die mit Sicherheit beeinflusst werden kann. Die Marktrendite lässt sich nicht kontrollieren. Die eigene Kostenquote schon.

Für Verantwortliche in der betrieblichen Altersvorsorge bedeutet das konkret: jede aktive Fondsposition regelmäßig auf ihre Berechtigung hin zu überprüfen, Kostenstrukturen transparent zu machen und kosteneffiziente passive Lösungen dort einzusetzen, wo aktives Management keinen nachweisbaren Mehrwert erbringt.

Ein aktiv verwalteter Fonds der deutlich mehr kostet, aber nach Kosten dasselbe leistet wie ein passiver Indexfonds, ist kein neutrales Instrument – er ist ein stilles Belastung für das Kapital der Versicherten. Das ist kein Vorwurf an die Fondsbranche, sondern ein Argument für Klarheit, Evidenzorientierung und konsequente Kosten-Nutzen-Analyse in der betrieblichen Vorsorge.

Über den Autor: Bernhard Führer

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