Warum ein Top-Fondsmanager Indexfonds empfiehlt

Warum ein Top-Fondsmanager Indexfonds empfiehlt

Als Stephen Yiu, Manager des britischen Blue Whale Growth Fund, vor wenigen Jahren vor Anlegern stand, hatte sein Fonds in drei Jahren 101 Prozent zugelegt – fast dreimal so viel wie der Durchschnitt der Vergleichsgruppe. Er gehörte zur Spitzengruppe, Quartil eins in fast allen Zeiträumen. Und doch sagte Yiu etwas, das in der Branche wie ein Tabubruch klang: Die Erfolgschancen für normale Anleger bei aktiven Fonds seien „schlimmer als im Casino“. Auf dem Roulette-Tisch lägen die Gewinnchancen bei Rot oder Schwarz bei rund 47 Prozent. Bei globalen Aktienfonds schafften im Jahr 2024 nur etwa 15 Prozent der aktiven Manager, den MSCI-World-Index zu schlagen.

Diese Aussage stammt nicht von einem Kritiker der Finanzbranche, sondern von einem der erfolgreichsten aktiven Manager Europas. Sie wirft ein grelles Licht auf ein System, das seit Jahrzehnten mit dem Versprechen wirbt, durch geschickte Auswahl von Aktien mehr zu erwirtschaften als der Markt. In Österreich, wo Millionen von Sparern über Pensionsvorsorge, Lebensversicherungen oder Direktinvestitionen in Investmentfonds verknüpft sind, lohnt ein genauer Blick hinter die Kulissen.

Die Mathematik, die niemand hören will

Der Kern des Problems liegt nicht in mangelndem Talent der Manager, sondern in einer einfachen Rechnung. Ein typischer aktiver Aktienfonds in Österreich belastet die Anleger mit laufenden Verwaltungsgebühren von durchschnittlich 1,13 Prozent pro Jahr – bei Aktienfonds sogar 1,46 Prozent. Passive Strategien, die lediglich einen Index nachbilden, kommen im selben Segment auf deutlich niedrigere Kosten. Das zeigt die Marktstudie der Finanzmarktaufsicht.

Diese Gebührendifferenz wirkt wie ein stiller Dieb. Wer 100.000 Euro über 30 Jahre bei einer angenommenen Bruttorendite von sieben Prozent anlegt, landet bei einem Indexfonds mit 0,05 Prozent Gebühr ungefähr bei 726.000 Euro. Ein aktiver Fonds, der vor Gebühren exakt den Markt trifft, aber ein Prozent Kosten trägt, schrumpft auf rund 574.000 Euro – ein Verlust von 152.000 Euro allein durch Gebühren. Und das ist der optimistische Fall. In der Realität schafft die Mehrheit der aktiven Fonds nicht einmal diese Bruttoperformance.

Die Finanzmarktaufsicht hat in ihrer Analyse von 988 österreichischen Publikumsfonds mit einem Volumen von rund 120 Milliarden Euro genau diese Kostenstruktur offengelegt. Aktive Strategien dominieren den Markt bei weitem, passive Fonds sind eine Randerscheinung. Die Aufsicht betont: Je höher das Risiko und je aktiver die Strategie, desto stärker drücken die Gebühren auf die Nettorendite.

Was die Zahlen wirklich sagen

Unabhängige Langzeitvergleiche liefern seit über 20 Jahren dieselbe Botschaft für Europa: In den meisten Kategorien europäischer Aktienfonds unterperformen die aktiven Manager ihre Benchmarks – und das über längere Zeiträume hinweg in immer höherem Ausmaß. Nach zehn Jahren liegen die Unterperformance-Quoten in vielen Segmenten bei 70 bis 90 Prozent. Die Erfolgsquote sinkt mit der Zeit, weil Gebühren und Transaktionskosten kumulieren und weil der Markt selbst durch die große Zahl der Teilnehmer extrem effizient ist.

Diese Effizienz beschreibt die Effizienzmarkthypothese schon seit den 1970er-Jahren: In einem gut funktionierenden Markt sind alle verfügbaren Informationen bereits in den Kursen verarbeitet. Es wird damit extrem schwer, systematisch bessere Entscheidungen zu treffen als der Durchschnitt aller Marktteilnehmer.

Die Kluft zwischen öffentlichem Versprechen und privatem Handeln

Noch aufschlussreicher als die öffentlichen Zahlen ist, was die Profis mit ihrem eigenen Geld machen. Mehrere Studien und Interviews mit aktiven Managern zeigen ein klares Muster: Viele von ihnen halten ihr privates Vermögen überwiegend oder vollständig in Indexfonds. Ein Sell-Side-Analyst formulierte es einmal so: „Ich gehe morgens zur Arbeit, weil ich meinen Job spannend finde – wie ein Sportkommentator. Ich kommentiere das Spiel, ich spiele es nicht.“ Die Unterhaltung ist interessant, die Alpha-Generierung für den normalen Anleger jedoch rar.

Selbst Legenden wie Warren Buffett haben seit Jahren dasselbe Mantra: Für die meisten Privatanleger sei ein kostengünstiger Indexfonds der vernünftigste Weg. Buffett hat in seinem Testament sogar festgelegt, dass 90 Prozent des Erbes seiner Frau in einen S&P-500-Indexfonds fließen sollen.

Warum das System trotzdem weiterläuft

Der österreichische und europäische Fondsmarkt lebt von der Illusion der Auswahl. Berater empfehlen aktiv gemanagte Produkte, weil sie höhere Provisionen bringen. Medien feiern die wenigen Stars, die gerade outperformen. Die Masse der gescheiterten Fonds hingegen verschwindet leise durch Fusionen oder Schließungen – ein klassisches Survivorship-Bias-Phänomen. Was bleibt, sind die Erfolgsgeschichten, die den Eindruck vermitteln, aktives Management sei die Regel statt der Ausnahme.

In Österreich, wo der **Investmentfonds**markt eng mit der Altersvorsorge und der privaten Vermögensbildung verknüpft ist, hat diese Dynamik besondere Relevanz. Die Finanzmarktaufsicht beobachtet den Markt genau und hat in ihren Gebührenstudien wiederholt auf die Kostenbelastung hingewiesen. Dennoch bleiben aktive Fonds die dominierende Form – nicht weil sie besser performen, sondern weil das Geschäftsmodell der Branche darauf ausgerichtet ist.

Ein nüchterner Blick nach vorn

Die Geschichte von Stephen Yiu ist kein Einzelfall. Sie ist die logische Konsequenz eines Marktes, in dem die Summe aller aktiven Manager per Definition den Markt ergibt – abzüglich ihrer deutlich höheren Kosten. Die wenigen, die über längere Zeit outperformen, sind rar und kaum vorhersehbar. Für den breiten Kapitalmarkt in Österreich und Europa bedeutet das: Die eigentliche Leistung liegt nicht im Auswählen einzelner Aktien, sondern im Verstehen der strukturellen Kräfte, die Renditen schmälern.

Der Vergleich mit dem Casino bleibt provokant. Im Casino weiß zumindest jeder, dass die Bank auf Dauer gewinnt. Bei aktiven Fonds glauben viele immer noch, sie könnten die Bank sein. Die Daten – und die Geständnisse jener, die das Spiel am besten kennen – sagen etwas anderes.

Über den Autor: Bernhard Führer

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