Wenn das Gehirn gegen das Depot arbeitet

Wenn das Gehirn gegen das Depot arbeitet

 

Verhaltensfehler bei der Geldanlage – und was die Forschung dazu sagt

Österreich spart fleißig. Laut Oesterreichischer Nationalbank haben private Haushalte ein Geldvermögen von rund 936,7 Milliarden Euro angehäuft – nominell ein Rekordwert. Und doch: Ein erheblicher Teil dieses Vermögens wächst kaum, weil er auf Giro- und Sparkonten schlummert, auf denen sich die Kaufkraft durch Inflation still und leise auflöst. Warum ist das so? Die Antwort liegt weniger in fehlenden Informationen als in der menschlichen Psychologie selbst.

Das Forschungsfeld der Behavioral Finance – auf Deutsch etwa „Verhaltensökonomik der Finanzmärkte” – beschäftigt sich seit den 1970er Jahren systematisch mit den psychologischen Mustern, die wirtschaftliche Entscheidungen verzerren. Die Ergebnisse sind ernüchternd, aber lehrreich.

1. Status-quo-Bias: Die Bequemlichkeit des Nichtstuns

Einer der mächtigsten Verhaltensfehler ist der Status-quo-Bias: die Tendenz, bestehende Zustände beizubehalten, selbst wenn eine Änderung objektiv vorteilhaft wäre. Beim Sparbuch zeigt sich dieser Mechanismus besonders deutlich. Wer einmal ein Konto eingerichtet hat, lässt das Geld dort – auch wenn die Zinsen de facto nichts mehr abwerfen.

Beispiel: Jemand hat seit Jahren 30.000 Euro auf einem Sparkonto. Das Festgeld-Angebot einer anderen Bank liegt 0,8 Prozentpunkte höher. Der Wechsel würde jährlich rund 240 Euro zusätzliche Zinsen bringen – doch er wird verschoben, weil das Ausfüllen eines Formulars als zu aufwendig erscheint. Das ist Status-quo-Bias in Reinform.

2. Verlustangst schlägt Gewinnfreude – der Prospect-Theory-Effekt

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky haben in ihrer Prospect Theory aus dem Jahr 1979 belegt, dass Menschen Verluste rund doppelt so stark gewichten wie gleichhohe Gewinne. Ein Verlust von 1.000 Euro fühlt sich psychologisch schlimmer an als ein Gewinn von 1.000 Euro sich gut anfühlt.

Diese Asymmetrie führt dazu, dass Anlegerinnen und Anleger bei Kursrückgängen panikartig verkaufen – gerade dann, wenn langfristig betrachtet Zukaufen sinnvoller wäre. Das Journal of Finance dokumentiert seit Jahrzehnten, dass Privatanleger im Schnitt die schlechtesten Zeitpunkte für Käufe und Verkäufe wählen, weil sie emotional statt rational agieren.

Wie auf dem Blog vermoegensplanning.at im Beitrag „Geld richtig anlegen: Zwischen Bauchgefühl und Strategie” beschrieben, ist der Weg zum klugen Investieren oft geprägt von Halbwissen und Bauchgefühlen – beides direkte Folgeerscheinungen dieser psychologischen Verzerrungen.

3. Home Bias: Österreich kauft Österreich

Home Bias bezeichnet die Neigung, Investitionen auf bekannte, inländische Werte zu konzentrieren – auch wenn eine internationale Diversifikation deutlich besser für das Risiko-Rendite-Profil wäre. In Österreich ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt: Österreichische Privatanleger halten überproportional viele österreichische Aktien und Fonds, obwohl der Wiener Börse nur ein Bruchteil der globalen Marktkapitalisierung entspricht.

Eine Studie des Europäischen Zentralbank-Forschungsnetzwerks zeigt, dass europäische Privathaushalte trotz der Einführung des Euro und des EU-Binnenmarkts weiterhin stark auf heimische Wertpapiere setzen – oft mit messbaren Renditeeinbußen. Ein weltweit diversifiziertes Portfolio hätte über die letzten zwei Jahrzehnte in fast allen Szenarien besser abgeschnitten als ein auf Österreich und Deutschland konzentriertes.

4. Overconfidence: Wer zu viel handelt, verdient weniger

Zahlreiche Studien – darunter die vielzitierte Untersuchung von Brad Barber und Terrance Odean aus dem Jahr 2000 – zeigen, dass Anleger, die sehr aktiv handeln, im Schnitt schlechter abschneiden als solche, die kaum eingreifen. Der Grund: Overconfidence, also die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Selbst erfahrene Anleger neigen dazu, ihre Fähigkeit zur Marktprognose zu überschätzen. Das führt zu häufigen Transaktionen, die Transaktionskosten erhöhen und die Steuerlast durch Kapitalertragsteuer (KESt) in Österreich von 27,5 Prozent auf Gewinne und Dividenden nach sich ziehen – Kosten, die langfristig erheblich auf die Rendite drücken.

5. Herdenverhalten: Der Dotcom-Crash als Lehrstück

Herdenverhalten tritt auf, wenn Anleger nicht auf eigene Analyse, sondern auf das Verhalten der Mehrheit vertrauen. Klassische Beispiele sind die Dotcom-Blase der späten 1990er Jahre und der Krypto-Hype der Jahre 2020–2021: In beiden Phasen stiegen viele Anleger spät ein – motiviert durch den Erfolg anderer – und erlitten massive Verluste, als die Märkte korrigierten.

Auf dem Blog vermoegensplanning.at beleuchtet der Artikel „Zwischen Euphorie und Ernüchterung: Was der KI-Boom wirklich bedeutet” genau dieses Phänomen: Im Jänner 2025 verlor Nvidia an einem einzigen Handelstag massiv an Wert, als das chinesische Start-up DeepSeek die KI-Euphorie erschütterte. Wer aus Herdeninstinkt zu Höchstkursen eingestiegen war, trug die Konsequenzen.

6. Mental Accounting: Urlaubsgeld ist nicht dasselbe wie Ersparnisse

Mental Accounting beschreibt die Tendenz, Geld in mentale Kategorien einzuteilen und unterschiedlich zu behandeln – obwohl es ökonomisch identisch ist. Ein Steuerrückerstattung wird oft leichtsinniger ausgegeben als ein Monatsgehalt, obwohl beides denselben Wert hat. Oder: Jemand behält einen schlecht performenden Fonds, weil er als „Vorsorge” gebucht ist, während er ein anderes Produkt mit ähnlichem Verlust sofort verkaufen würde.

Diese Verzerrung hat direkte Konsequenzen in Österreich: Die Arbeiterkammer weist wiederholt darauf hin, dass viele Österreicherinnen und Österreicher gleichzeitig Konsumkredite zu hohen Zinsen bedienen und Geld auf niedrig verzinsten Sparkonten halten – ein klassischer Mental-Accounting-Fehler, der sich in konkreten Geldbeträgen niederschlägt.

7. Was tun? Strukturen statt Disziplin

Die wichtigste Erkenntnis aus der Behavioral-Finance-Forschung lautet: Willenskraft und Information allein reichen nicht aus, um psychologische Verzerrungen zu überwinden. Wer dauerhaft besser anlegen will, braucht Strukturen, die schlechte Entscheidungen erschweren.

Konkrete Ansätze:

Automatisierung nutzen. Wer regelmäßige Sparplanraten in Fonds oder ETFs automatisch abbuchen lässt, umgeht den Status-quo-Bias und das Zögern. Das Finanzmarktaufsicht-Informationsportal (FMA) bietet unter dem Stichwort „Sparformen” einen Überblick über regulierte Anlageformen in Österreich.

Anlageregeln schriftlich festlegen. Ein vorab formulierter Plan – etwa: „Ich verkaufe nicht, solange der Kurs unter 20 Prozent meines Einstiegskurses liegt” – schützt vor Panikentscheidungen in turbulenten Phasen.

Diversifikation konsequent umsetzen. Wer nicht ausschließlich auf Österreich und Europa setzt, sondern global streut, verringert den Home Bias und erhöht statistisch die Chance auf bessere risikoadjustierte Renditen.

Transaktionen reduzieren. Die Wirtschaftsuniversität Wien hat in mehreren Seminarreihen gezeigt: Die meisten Privatanleger würden besser abschneiden, wenn sie ihre Depots seltener öffneten. Weniger Aktivität bedeutet weniger Kosten und weniger emotionale Entscheidungen.

Wie der Beitrag „Warum finanziell zufrieden so schwer ist: Drei Muster, die uns immer wieder einholen” auf vermoegensplanning.at beschreibt, liegen die entscheidenden Hindernisse für finanzielle Zufriedenheit weniger im Mangel an Möglichkeiten als in psychologischen Mustern, die sich hartnäckig wiederholen.

Fazit

Das Gehirn ist kein verlässlicher Finanzberater. Es ist darauf trainiert, kurzfristige Sicherheit zu bevorzugen, Verluste zu meiden und der Masse zu folgen – alles Eigenschaften, die in der Vorzeit überlebenswichtig waren, im Kapitalmarkt aber regelmäßig zu schlechten Ergebnissen führen. Wer das weiß und entsprechende Strukturen aufbaut, hat gegenüber der Mehrheit der Anlegerinnen und Anleger einen stillen, aber nachhaltigen Vorteil.


Quellen: Oesterreichische Nationalbank (OeNB) | Statistik Austria | Arbeiterkammer Österreich | FMA – Finanzmarktaufsicht | Kahneman & Tversky (1979), „Prospect Theory”, Econometrica | Barber & Odean (2000), „Trading is Hazardous to Your Wealth”, Journal of Finance

Über den Autor: Bernhard Führer

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